Sekundäre Organtuberkulose

Tuberkulose einzelner Organe und Organsysteme

Viel häufiger als die primäre Organtuberkulose wird eine sekundäre Organtuberkulose diagnostiziert. Dabei werden Tuberkulosebakterien von einem Lungenherd ausgehend über die Blutbahn in andere Organe gestreut. Hier kann die Erkrankung erst viele Jahre später ausbrechen.

Prinzipiell kann auf diesem Weg fast jedes Organ infiziert werden. Häufige Manifestationen sind:

Besonders gefürchtet, weil sie viele Organe gleichzeitig befällt und unbehandelt immer tödlich verläuft, ist die generalisierte Miliartuberkulose.

Tuberkulöse Hirnhautentzündung

Die Mykobakterien gelangen auf dem Blutweg in die Hirnhäute. Die Erkrankung beginnt oft schleichend. Typische Symptome sind Fieber, Kopfschmerzen mit Nackensteifigkeit, Erbrechen und Bewusstseinsstörungen.

Lymphknotentuberkulose

Bei Infektion über infizierte Milch (Primärinfektion) sind vorwiegend die Halslymphknoten, bei Streuung der Bakterien eines Primärkomplexes über die Lymphbahnen sind die lungennahen Lymphknoten (Hiluslymphknoten) betroffen. Gelangen die Mykobakterien eines Lungenherdes über die Blutbahn in den Körper, können die Lymphknoten des gesamten Körpers befallen sein.

Tuberkulöse Lymphknoten neigen (unbehandelt) dazu, die Hautoberfläche zu durchbrechen, ihren infektiösen und meist käsigen Inhalt, der durch die Gewebszerstörung entsteht, zu entleeren und Fisteln (unnatürliche Öffnungen zu anderen Organen oder nach außen) und Narben zu hinterlassen.

Urogenitaltuberkulose

Bei der Urogenitaltuberkulose sind die Tuberkuloseerreger meist über die Blutbahn aus dem Primärherd zu den Nieren, Nebennieren, den Harnwegen und der Blase sowie zu den Genitalien gelangt. Hier bilden sich erst kleine Läsionen, dann verkäsende Tuberkulome und schließlich Verkalkungen.

Typisches Symptom für eine Nierentuberkulose ist eitriger, eventuell auch blutiger Urin. Sie kann ohne Symptome verlaufen oder aber mit Schmerzen beim Wasserlassen, Schmerzen in der Nierengegend und eitrigem oder blutigem Urin. Schreitet die Erkrankung fort, kommt es zu großflächigen Gewebszerstörungen und Schrumpfungen bis hin zum vollständigen Funktionsverlust der Niere.

Sind die weiblichen Geschlechtsorgane befallen, dann beginnt die Erkrankung meist in beiden Eileitern und breitet sich von dort bis in die Gebärmutter aus. Bei Männern gelangen die Tuberkelbakterien häufig zuerst in die Nebenhoden und breiten sich dann weiter über die Samenwege in die Hoden und die Prostata aus. Bei Beteiligung der weiblichen Geschlechtsorgane sind Menstruationsbeschwerden häufig, beim Befall der männlichen Geschlechtsorgane entzündliche, schmerzhafte Schwellungen der Hoden beziehungsweise Nebenhoden. Die weibliche Genitaltuberkulose kann zur Unfruchtbarkeit führen.

Darmtuberkulose

Die Darmtuberkulose als Folge einer direkten Infektion mit bovinen Mykobakterien zum Beispiel durch Aufnahme erregerhaltiger Milch spielt heute zumindest in Mitteleuropa kaum noch eine Rolle, weil die Rinderbestände weitgehend tuberkulosefrei sind. Der Magen-Darm-Trakt kann aber auch auf sekundärem Weg bei einer Lungentuberkulose infiziert werden, entweder durch Verschlucken abgehusteter Tuberkuloseerreger bei offener Lungentuberkulose oder über die Blutbahn.

Häufige Symptome sind anfänglich Verstopfung, später Durchfall, kolikartige Bauchschmerzen, Darmverschluss sowie Blut im Stuhl und Allgemeinsymptome wie Fieber, Gewichtsverlust und nächtliches Schwitzen. Die entzündeten Darmabschnitte neigen dazu, Fisteln zu bilden und in die Bauchhöhle durchzubrechen mit der Folge einer lebensgefährlichen Bauchfellentzündung.

Knochen- und Gelenktuberkulose

Setzen sich über die Blutbahn angeschwemmte Tuberkelbakterien im Skelettsystem fest, beginnt die Infektion meistens im Knochenmark und breitet sich von hier aus. Befallen werden vor allem

  • die Wirbel (mit der Gefahr einer Querschnittslähmung oder späteren Buckelbildung)
  • die langen Röhrenknochen
  • die Gelenke, vor allem Hüft-, Knie- und Fußgelenke.

Bemerkbar macht sich eine Knochen- und Gelenktuberkulose durch Schwellungen im Bereich der betroffenen Gelenke, ziehende Schmerzen vor allem bei Bewegung und entsprechenden Bewegungseinschränkungen.

Kehlkopftuberkulose

Die Kehlkopftuberkulose, insbesondere der Befall der Stimmbänder, war früher ohne effiziente Behandlung mit Tuberkulostatika häufige Begleiterscheinung einer Lungentuberkulose. Symptome sind Heiserkeit und qualvolle Schluckschmerzen auf Grund von entzündlichen Geschwüren und Wasseransammlungen im Kehlkopf.

Hauttuberkulose

Eine Hauttuberkulose kann sich entweder sofort bei Erstinfektion entwickeln – davon sind vor allem Kinder betroffen – oder als Spätmanifestation einer primären Lungentuberkulose auftreten. Die Haut ist von kleinen Knötchen (Papeln) übersät, die zur Geschwürbildung neigen. Als Ausdruck der Entzündungsreaktion sind die Lymphknoten geschwollen.

Eine besondere Form der Hauttuberkulose ist die Tuberculosis verrucosa cutis. Fast immer erkranken daran Menschen aus Berufsgruppen, die mit erregerhaltigem Material in Berührung kommen, zum Beispiel Tierärzte oder Pathologen. Deshalb sind fast immer die Hände betroffen. Die Tuberkelbakterien dringen über kleinste Hautverletzungen in die Haut ein und bilden warzenähnliche (lat.: verruca = Warze), schuppende, oft auch eiternde Herde.

Die häufigste, schwerste und langwierigste Form der Hauttuberkulose ist der Lupus vulgaris als Erscheinungsform einer postprimären Lungentuberkulose. Fast immer sind Wangen und Nase betroffen, manchmal auch die Hände. Zunächst bilden sich kleine, bräunliche Knötchen, die sich ausdehnen, zu Geschwüren aufbrechen und bei Abheilung große entstellende Narben hinterlassen. Der fortschreitende chronische Verlauf lässt sich nur durch konsequente Therapie mit Tuberkulostatika unterbinden.